Codes

Matthias Jäger und Heinz Pöschko

Alle Fotografie

07. April 2021 - 07. Mai 2021

Fotogalerie im Grazer Rathaus
Landhausgasse 2 / 2. Stock
8010 Graz

Öffnungszeiten
Mo-Fr  /  15:00-18:00 Uhr, an Feiertagen geschlossen
Eintritt frei!

Bitte beachten Sie die aktuell geltenden COVID-19-Bestimmungen.

CODES‘ stellt zwei Grazer Künstler gegenüber, die bislang keinerlei künstlerische Berührungspunkte kannten. Vordergründig  stellt das Naturbild als Ausgangspunkt für die einzelnen Werkgruppen ein verbindendes Element dar. Doch während Heinz
Pöschko das Motiv ganz bewusst auswählt, um Aussagen über die Welt, den Menschen und die Folgen seines Handelns zu formulieren, ist das Motiv bei Matthias Jäger in letzter Konsequenz aber eine Datenquelle, die im Prinzip beliebig austauschbar ist. Die wesentlichen Überschneidungen finden sich im Aspekt der Wahrnehmung des Motivs, seiner formalen Aufbereitung und den damit verbundenen Lesarten.
Die Ausstellung zeigt Ausschnitte von unabhängigen Werkzyklen der beiden Künstler – mit einer Ausnahme. Die ‚grapholith-rotation‘ ist das Ergebnis eines Dialogs, in dem Jäger das ‚grapholithe‘-Motiv Pöschkos eigens für die Präsentation in der Fotogalerie aufgreift und einer algorithmischen Neudeutung unterzieht.

Matthias Jäger

Ausgangspunkt der ‚grid-scapes‘ sind Landschaften im steirischen Bergland. Die weitere Bearbeitung ist als Dunkelkammer zu verstehen, in der entwickelt wird. Ein Raster wird über das Bild gelegt und in jeder Zelle misst der Algorithmus die Farbe im Mittelpunkt. Die Werte für Rot, Grün und Blau werden mit einer Linie visualisiert. Länge, Strichstärke und Drehung der Linie sind abhängig von den Farben. Endprodukt ist eine abstrakte Liniengrafik, die Visualisierung der Daten und gleichermaßen selbst das Bild ist.

reflections‘ sind Aufnahmen von Spiegelungen in den kleinen Teichen des Grazer Eustacchio-Parks, die mit dem Programm ‚small-areas-of-symmetry‘ bearbeitet wurden. Das Programm sucht zufällig Teilstücke aus einem gegebenen Referenzbild und manipuliert die Farben eines jeden Teilstücks so, dass symmetrisch gespiegelte Muster entstehen. Danach vermischt es diese Bereiche wieder mit dem Original und es entsteht ein neues Bild, das zwischen natürlicher und künstlicher Welt zu schweben scheint.

Für die Serie ‚rotations‘ erstellt das Programm eine Liste mit allen Helligkeits-Werten eines Eingabebildes. Von links oben nach rechts unten füllt sich diese Liste je nach Beschaffenheit des Bildes mit unterschiedlichen Zahlen zwischen 0 (Schwarz) und 1 (Weiß). Danach werden diese Zahlen als Skalierungs-Wert für den Radius in einer kreisenden Bewegung angewandt.

Die Serie ‚stripes‘ untersucht die Farben eines sog. Eingangsbildes. Es werden in der linken und rechten Bildhälfte alle Farben entlang der vertikalen Bildachse gemessen. Aus diesem Paar aus zwei Farben pro Bildzeile bildet sich eine Grafik mit einem exakt interpolierten Verlauf von linker zu rechter Farbe entlang der horizontalen Bildachse. Die Fotografie verliert durch diesen Prozess jegliches Detail und löst sich in eine Komposition aus Streifen auf. Die generelle Farbwirkung der Fotos bleibt aber trotz der starken Abstraktion auf seltsame Weise erhalten.

 

 

 

Heinz Pöschko

Im Zyklus „interpretationen“ werden Methoden von Mehrfachbelichtungen, Collagierungen, Maskierungen oder Umkehrentwicklungen angewandt, die es auch in der analogen Fotografie gibt. Sie repräsentieren den fotografischen Prozess und legen eine neue (fotografische) Informationsebene über die Ebene des Objekts. Es entsteht ein neues Bild, in dem das reale Objekt gleichberechtigt neben der fotografischen Realität steht, das Bild zum Bild und nicht zum Abbild, das Naturobjekt zum Kunstobjekt wird.

Die Muschelschalen in ‚valvia‘ erhalten durch ihre radikale Beschränkung auf die Kreisform und die Betonung der räumlichen Tiefe die Anmutung von Planeten. Diese Schalen stehen einerseits für Schutz und sind andererseits bloß die leblosen Reste komplexer biologischer Prozesse. Obwohl unser Planet Erde aus dem Weltall noch intakt und perfekt aussieht, hat der Mensch ihn in seiner Substanz bereits zutiefst geschädigt, und ist gerade dabei, den Schutz, den uns unser Planet bisher gab, zu verlieren.

In ‚mykes‘ geht es um unsere Wahrnehmung von Natur, die fixiert ist auf die oberflächliche Ästhetik einer sauberen und wohlgeordneten Konstruktion von Natur. Wir klammern aus, was uns stört, sehen nicht die wuchernden und gleichzeitig zerstörenden Vorgänge, die mit unserer Vorstellung einer beruhigenden und gestalteten Natur nichts gemeinsam hat.

Die Informationen, die sich im Laufe der erdgeschichtlichen Entwicklung an der Oberfläche von Steinen eingeschrieben haben, werden in den ‚grapholithen‘ mit einer neuen Bedeutung überschrieben, indem diese Steine in einem informationsleeren Raum schweben und erst so zu Trägern von Zeichen, von Codes werden. Was den Raum füllt und schließlich Leben ausmacht,
ist Information.

Mit der ‚grapholith-rotation‘ tritt Matthias Jäger in Dialog mit einem Foto aus der Serie ‚grapholithen‘ von Heinz Pöschko. Das von Jäger geschriebene Programm erschafft durch eine pseudo-zufalls-gesteuerte Bewegung entlang eines Kreises eine neue Struktur aus individuell gedrehten Kopien des Eingangsbilds.

Matthias Jäger (*1979) schafft ästhetische Kompositionen aus einfachen Regeln, die er im Vorfeld definiert und dann zur Anwendung bringt. Er spricht davon, ein Werk zu entwickeln, in dem er diese Regeln in geschriebene Codes umarbeitet. Mit Algorithmen bearbeitet er Daten einer Fotografie und konstruiert daraus neue Serien von Bildern. 
matthias-jaeger.net

Heinz Pöschko (*1957) analysiert die Natur und ihre Gesetzmäßigkeiten. Er greift bestimmte Formen und Zustände der Natur auf,  ordnet sie neu und entwickelt veränderte Sichtweisen. Er verschlüsselt und entschlüsselt biologische oder erdgeschichtliche  Vorgänge in inhaltlicher Hinsicht und führt Überschreibungen und Einschreibungen mit fotografischen Mitteln durch.
heinz-poeschko.at

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